Erster Drehtag: Vergeben, aber nicht vergessen – die US-Atombombentests auf den Marshall Islands

Die erste ernsthafte Bedrohung für die Existenz der Marshall Islands waren Atombomben. 67 (in Worten: Siebenundsechzig!) Kernfusions- und Kernspaltungsbomben zündeten die USA über Teilen „ihres“ ehemaligen UN-Treuhandgebietes. Nicht wenige hier sagen, die neue Bombe, die von außen kommt, wird kaum weniger schlimm sein. Sie reden vom Klimawandel. Er wird das Land nicht verstrahlen. Er wird es verschlingen.

Es ist kurz vor acht Uhr morgens und wir machen uns auf den Weg zu unserem ersten Dreh auf den Marshalls. Wir befinden uns auf dem Majuro-Atoll. Kaum sitzen wir im Taxi, fängt es an, in Strömen zu regnen. Das Taxischild liegt im Kofferraum, am Steuer sitzt Mark. Am Vortag hatten wir einen Taxifahrer gebeten, uns am nächsten Morgen für unseren Dreh abzuholen. Er reagierte unerwartet, bot uns an, das Taxi für einen Tag zu mieten, ohne ihn. Er würde schlafen und wir könnten Taxi fahren so lange wir wollten. Guter Deal für beide Seiten. Vielleicht auch nicht. Mark ist müde, flucht. „Was ist das für eine Karre.“ Die Handbremse klemmt. Der Regler für die Automatik auch. Immerhin funktioniert die Klimaanlage. Jetzt haben wir also ein Auto. Der warme Regen wird immer stärker und verwandelt die einzige Hauptstraße, die vom Anfang bis zum Ende der Insel Majuro führt, in einen reißenden Fluss. Wir fragen uns, ob die Regenfälle hier immer schon so heftig ausfielen. Auf Kiribati sagte man uns, der Regen, der dort fehle, fiele nun anderswo um so stärker.

Links und Rechts sehen wir Häuser, dahinter jeweils in kurzer Distanz den aufgewühlten Ozean auf der einen Seite und die ruhigere azurgraue Lagune auf der anderen Seite.

Wir suchen den Ort, an dem sich die Menschen für den Friedensmarsch zum Jahrestag der Explosion von „Castle Bravo“ versammeln werden. Es war die größte Bombe, die jemals gezündet worden ist, eine Fusionsbombe, von der Beobachter sagten, es habe sich angefühlt, als sei der Schlund zur Hölle geöffnet worden. Mit einer unfassbaren Wucht von 15 Millionen Tonnen TNT explodierte sie am 1. März 1954 auf dem Bikini-Atoll. Die Kraft der Explosion und die radioaktive Strahlung traf die Bewohner der umliegenden Inseln heftig. Menschen starben, wurden krank und mussten ihre Heimatinseln für immer verlassen.

An jedem 1. März eines Jahres gedenken sie hier den Opfern der US-Atombombentests, die zwischen 1946 und 1958 auf den Marshall Islands durchgeführt wurden.

Kein Mensch ist bei diesem Unwetter gern auf der Straße. Vage Wegbeschreibungen des Vortages führen zu wilden Vermutungen und als wir die Insel ein drittes Mal in unserem Taxi fast komplett abgefahren sind, entdecken wir eine Schulklasse, die sich gerade auf den Weg zur Gedenkveranstaltung macht. Wir folgen dem Schulbus, dort angekommen warten bereits mehrere Schulklassen und eine Schüler_innenkapelle mit Bläsern und Trommeln. Auch Aktivist_innen und Überlebende der Atombombentests und deren Angehörige sind dort. Der Regen hat etwas nachgelassen. Es geht los. Wir positionieren uns mit Kamera, Ton und Regenschirm auf dem Mittelstreifen der Straße und filmen den an uns vorüberziehenden Marsch.

Der Marsch endet vor dem Parlamentsgebäude in „town, town“, wie man hier die Innenstadt nennt. Es sind überwiegend Kinder , die in Begleitung von einigen Erzieher_innen und Lehrer_innen an der Zeremonie teilnehmen. Eigentlich ist heute schulfrei an diesem Feiertag. Aber es ist wie überall auf dem blauen Planeten. Das Badengehen am Nachmittag hat einen Preis: die Teilnahme am Gedenktag. Ein Podest mit Rednerpult und Platz für die „wichtigen“ Gäste ist vorbereitet. Die Schulkinder finden Platz in anliegenden Zelten. Es sprechen die Bürgermeisterin von Majuro, die US-Botschafterin, ein Vertreter der NGO „Nuclear Free Movement“, ein Repräsentant der vier betroffenen Atolle und die Präsidentin der Marshall Islands Hilda Heine. Zwischendurch spielt eine Ukulele-Band traditionelle Musik.

Immer wieder fällt unsere große Kamera aus. Seit die Regenwolken dünner geworden sind und eine Äquatorsonne durch das verbleibende Himmelsgrau das Equipment erhitzt, ist die Canon schnell am Ende. Wir werden uns eine Eisbox kaufen müssen, um die Kamera für ihre Einsätze zu kühlen. Aber noch haben wir die nicht. Zwischen vier Minuten und zwanzig Sekunden bleiben Mark an der Kamera, bevor die Notabschaltung greift. Mark konzentriert sich auf das Wichtige, flucht immer wieder und filmt doch weiter, sobald die Kamera ihn wieder lässt. Abseits von den wichtigen Rednern und Rednerinnen sitzt eine traurige Frau, die seit langer Zeit ein Foto hochhält. Ihre Arme zittern schon. Aber sie lässt nicht ab. Es ist wichtig, dass alle Menschen das Bild sehen. Auch unsere Kamera. Mark nickt der Frau zu und formt die Lippen. „May I?“ flüstert er und sie nickt. Das Foto zeigt Lemeyo Abon.

Lemeyo Abon war eine der letzten Überlebenden der Atombombentests, sie starb kurz vor der Zeremonie am 19. Februar im Alter von 77 Jahren. Als Kind erlebte sie die Explosion von Castle Bravo auf der Insel Rongelap, die nur 200 km vom Bikini-Atoll entfernt ist.

„Als ich 13 Jahre alt war, explodierte die Wasserstoffbombe „Bravo“ auf der nächsten Insel. Es war früh am Morgen und wir bereiteten gerade das Frühstück draußen vor den Hütten vor. Plötzlich leuchtete die ganze Umgebung in einem grellen Licht auf, dann wurde der Himmel ganz rot. Wir hörten einen lauten Knall: ´BOOM!´ und der Boden unter uns bebte. Unser Dach wurde weggerissen und einige Kokospalmen fielen um. Ich hatte Angst.“ erinnert sich Lemeyo in dem Buch „Longing for my Home Island“ von Hanyuda Yuki. Das Buch erzählt ihre Lebensgeschichte, die symbolisch für eine ganze Generation steht. Sie wurde selbst sehr krank von der radioaktiven Strahlung, erlebte die Umsiedlung nach Kwajalein und die gescheiterte Rückkehr nach Rongelap, denn entgegen der US-Prognosen sind die betroffenen Inseln bis heute kontaminiert und somit eigentlich unbewohnbar. Eigentlich, denn trotz der andauernden Radioaktivität leben wieder Menschen dort. Sie hat mit internationalen Medien gesprochen, ist zu UN-Versammlungen gereist, um über die Auswirkungen der Atomtests zu berichten. Lemeyo klagt an, die USA hat die Inselbewohner als Versuchskaninchen benutzt, um die Verstrahlung menschlicher Körper zu untersuchen. Sie hat sich unermüdlich dafür engagiert, dass die Geschichte der Menschen auf den Marshallinseln weltweit nicht in Vergessenheit gerät. Heute, am 64. Jahrestag der Explosion von Castle Bravo, findet ihre Beerdigung im familiären Kreis statt.

Mittlerweile haben sich die Wolken ganz verzogen und die Sonne knallt gnadenlos auf den Platz vor dem Parlament. Es ist heiß. Sehr heiß. Unvorstellbar heiß, für europäische Verhältnisse. Die Schulkinder halten ungeduldig weiße Luftballons in der Hand, ab und zu steigt schon einer in den Himmel auf. Zu früh. Losgelassen. Nicht aufgepasst. Dann ist es aber soweit. Die Kinder dürfen zum Abschluss ihre Ballons fliegen lassen. Der nun strahlend blaue Himmel ist voller weißer Punkte. Die Menge zerstreut sich. Es ist überstanden.

Für uns ist der Tag noch nicht vorbei. Wir treffen Alson, einen Bikinian (einen Bewohner des Bikini-Atolls). Was er uns erzählte, war sehr eindrucksvoll und wir berichten euch davon in unserem nächsten Post.

Ti a boo und auf Wiedersehen

Noch vor einem halben Jahr war alles in Ordnung; wir steckten mittendrin in den Vorbereitungen für unser Filmprojekt auf Kiribati. Wir hatten eine Clearance des Büros des Präsidenten mit guten Aussichten auf eine Filmerlaubnis und Langzeitvisum. Kurz vor Weihnachten (wir waren noch in Deutschland) kam dann die Nachricht, dass unsere Clearance ausgesetzt ist; für wie lange konnte man uns nicht sagen. Wir flogen trotzdem, wollten alles vor Ort klären. (Link zu unserem ersten Blogbeitrag)

Was ist seitdem passiert? Wir befanden uns plötzlich auf einer diplomatischen Mission. Wir haben Jeder und Jedem von uns und unserer Situation erzählt. Alle hörten uns gespannt zu und sagten, es würde ihnen sehr leid tun; sie könnten es überhaupt nicht verstehen. Wir haben bei allen möglichen Institutionen vorgesprochen, mit Senatoren und Staatssekretären geredet. Ohne Erfolg. Wir standen in engem Kontakt mit dem Präsidentenbüro und schrieben auf dessen Vorschlag einen langen Brief, in dem wir unser Projekt erneut vorgestellt haben. Darauf wurde bisher nicht geantwortet.

Wir sind in ein Netz aus politischen Verflechtungen geraten, die mit uns persönlich wenig zu tun haben, aber dazu führten, dass wir unser partizipatives Filmprojekt hier momentan nicht wie geplant durchführen können. Nur sagte uns das niemand so explizit. Wir sollten warten. Und wieder warten. Und erneut warten. Wir warteten zur falschen Zeit am richtigen Ort.

Unser Arbeitsansatz überzeugte Jede und Jeden, selbst auf der Regierungsebene, wenn auch manchmal mit Mühe. Dennoch waren sie alle vorsichtig. Zu viele ungute Erfahrungen hatten sie gemacht mit ausländischen Filmemacher*innen und Journalist*innen, die mit vorgefassten Ideen auf Kiribati erschienen, mit Geschichten, zu denen sie nur noch die passenden Bilder suchten, ohne einen Hauch Interesse daran, was von Kiribati wirklich erzählenswert ist. Sie kamen mit vorgefertigten Drehbüchern, in zwei Wochen geschrieben und in einer Woche abgedreht. Die haarsträubendste Geschichte war die des japanischen ARD Büros, das einen Fischer filmen wollte, der an der Marine Schule in Tarawa lernt und mit einem traditionellen kleinen Katamaran auf seine Heimatinsel heimkehrt. Sie suchten nur noch die passende Person. Zu doof, dass kleine Katamarane selten hochseetauglich sind, auf Kiribati außer Mode sind und vor allem der passende Fischer nicht an der Marineschule zu finden war.

Wir arbeiten uns also voran. Wir fühlten Wind in unseren Segeln. Dass wir keine Geschichten im Kopf mitbrachten, sagten wir der Regierung. Auch, dass wir in unseren Workshops die Menschen von Kiribati dazu bewegen wollen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, von denen wir nichts wussten und nichts wissen konnten, bis wir sie hören würden.

Es schien eine gute Strategie und es war die Wahrheit.

Doch dann geschah etwas, dass die Wahrheit zu einem schlechten Argument machte und der schon fast gütlich gestimmten Regierung jede Lust nahm an der Vorstellung, dass die Menschen auf Kiribati selbst erzählen würden, was ihnen wichtig und wahr erschien.

Eine Fähre sank auf dem Weg von Nonouti nach Tarawa. Fast einhundert Menschen suchten Schutz in den zu wenigen Rettungsbooten und ertranken oder verdursteten oder starben an der sengenden Hitze über 6 qualvolle Tage hinweg im offenen Ozean, lange bevor die zuständigen Behörden auch nur eine Ahnung von dem Unglück hatten.

Kritik an der Regierung wurde laut. Eine Demo wurde aufgelöst, Menschen wurden schnell abtransportiert und unter Hausarrest gestellt. Aber die sozialen Medien konnte die Regierung nicht still halten. Menschen lasen und diskutierten die Berichte und Wortmeldungen zu den Ursachen der Katastrophe auf Facebook. Es ging um die bezahlbaren aber fehlenden Positionsmelder auf den Fähren, um den baufälligen Zustand der Fähre, die dennoch auslief, um das Versagen der Regierung, die Einhaltung von Gesetzen durchzusetzen, die auf dem Papier schön aussehen, aber nicht in der Realität ankommen.

Abflug Tarawa Atoll

Spätestens vor dem Hintergrund dieser veränderten Umstände passte unser partizipativer Ansatz überhaupt nicht mehr. Die Regierung hatte Angst vor lauter Kritik seitens der Bevölkerung. Ein neuseeländisches Reporterteam wurde an der Berichterstattung zum Fährunglück auf Kiribati gehindert, sie wurden gezwungen ihre Daten, also Interviews und Fotos, zu löschen. Immer wieder wurden die Reporter auch gefragt, ob sie über den Klimawandel schreiben würden. Die politische Situation spitzt sich auf Kiribati gerade zu, die neue Regierung will ihre Macht etablieren und versucht sich nach außen hin abzuschotten. Journalisten müssen ausreisen, ausländische Filmteams bekommen keine Drehgenehmigungen mehr und / oder dürfen erst gar nicht einreisen. Im Radio wurde die Bevölkerung sogar dazu aufgerufen, Touristen mit Filmkameras bei der Polizei zu melden. Beim Fotografieren wurden wir mehrfach darauf angesprochen, wer wir sind, was wir hier machen und ob wir eine Filmerlaubnis haben. Die Polizei erkundigte sich über uns bei unserem Vermieter. Versteckte Interviews zu führen, kam auch nicht in Frage. Denn es gibt auf der Hauptinsel South Tarawa keine geheimen, einsamen Orte. Und zum anderen wollten wir unsere Freunde und Bekannten sowie Klimawandel-Aktivisten, die gerne mit uns zusammengearbeitet hätten, nicht in Schwierigkeiten bringen.

Auf Kiribatis veränderte politische Linie waren wir nicht vorbereitet. Das Ziel dieses Projektes war ein ganz anderes, nämlich gerade nicht im Verborgenen zu arbeiten, sondern ein Höchstmaß an Öffentlichkeit erzeugen, Leute einladen, an unseren Workshops teilzunehmen und mit ihnen gemeinsam die Ideen für den Film zu entwickeln. In einem Klima der aufkommenden Angst und anhaltenden Unsicherheit war das nicht möglich.

Mit der Entscheidung über die Filmerlaubnis hielt man uns weiter hin, ließ uns auf unbestimmte Zeit warten Bald lief unser Touristenvisum aus. Deshalb haben wir selbst entschieden, unsere Zelte abzubrechen und Kiribati verlassen. Wir  zogen um auf die Marschallinseln. Ein weiterer, kleiner Inselstaat inmitten des weiten südlichen Pazifiks, dem aufgrund des Klimawandels ein ähnliches Schicksal wie Kiribati droht. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: der offene Umgang mit den Auswirkungen des Klimawandels seitens der Regierung. Und auch hier gibt es eine starke soziale Basis aus Bewegungen, die sich mit dem Klimawandel auseinandersetzen. 

Ankunft auf Majuro

Trotz vieler unguter Erfahrungen auf Kiribati sehen wir unsere 7 Wochen dort nicht als verschwendete Zeit an, sondern sind sehr dankbar für die Erfahrungen. Wir sind glücklich über die vielen kleinen und großen Begegnungen mit Menschen, die uns einen Einblick in die Kultur und Politik dieses Inselstaates erlaubten. Einige dieser Momente hat Mark auf seinem Fotoblog festgehalten. (Kameradist Wagner) Wir fühlten uns bei Allen, die wir trafen, immer herzlich willkommen und das Interesse am Projekt war groß. Wir hoffen auf ein Umdenken der Regierung und auch darauf, in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht doch nach Kiribati zurückkehren zu können, um einen Teil des Filmmaterials dort aufzunehmen.

 

Wir bedanken uns bei all unseren Freunden aus Kiribati für die Herzlichkeit und die Wärme, für das Vertrauen und die Offenheit, das Scherzen und gemeinsame Lachen. Wir werden Euch sehr vermissen! Kabuta, hör nie auf, die Gitarre zu spielen und zu singen, auch wenn du ein alter Pfarrer sein wirst. Abe, eines Tages bist du der Präsident und dann wird ein sehr, sehr alter Kater ohne Katzenschwanz dein Ratgeber sein. Kataunati, ganz sicher wirst du zur See fahren und die Welt sehen. Hey, und Aurora: Du schaffst das und Abe wird dir helfen.

„Friendliest people in the pacific.“

Kam bati n rabwa
(Vielen Dank Euch!)

Text und Fotos: Christina Schulze

An Too und drei mal Klatschen

Es ist Samstag Abend.
Seit unserer Ankunft haben wir viele Menschen kennengelernt und trotz der kurzen Zeit auch schon Freundschaften geschlossen. Einer davon ist Kabuta, ein angehender Pastor, der gerne raucht und ein Bierchen trinkt und uns immer wieder dazu einlädt, mit ihm Kawa trinken zu gehen. Und heute ist es soweit.

In Vorfeld besprachen wir in der Gruppe, wer bei Maira bleibt und Christina erklärte sich dazu bereit. Was uns (Mark und mir) sehr entgegen kam, denn so eine Erfahrung wollten wir nicht weiter verschieben. Zumal die Kawa-Bar unmittelbar neben uns liegt, kaum 200 Meter von unserem Haus entfernt.

Kabuta holte uns gegen 19 Uhr ab. Wir speisten erst einmal zusammen. Dann machten wir uns entspannt auf dem Weg.

Die Kawa-Bar ist ein einfaches Haus. Unscheinbar. Oder auch nicht. Nur einige hängende Lichterketten und Blumen unterscheiden es von den anderen. Wir sind die ersten dort. Kabuta und einer vom Haus breiten Matten aus. Ein Weiterer fängt mit der Vorbereitung des Getränks an.
Wir setzen uns in einen Kreis. Eine Plastikschüssel mit eine Flüssigkeit, die ähnlich wie in Wasser verrührte Heilerde aussieht, wird uns gebracht und in die Mitte gestellt. Dazu eine Schöpfkelle und für jeden ein Plastikbecher. Ich nehme schon die Vorbereitungen mit einer unserer kleinen Kameras auf und werde in den nächsten Stunden immer wieder aufnehmen.

Kabuta erklärt uns: Ganz zu Beginn der Runde wird „An too“ gerufen und drei Mal geklatscht. So ähnlich wie in Deutschland Prost gesagt wird. Das Kawa-Ritual ist eine Tradition aus Fidschi. Der Becher wird in einem Zug geleert, es schmeckt wie es aussieht, Zunge und Gaumen werden leicht taub.

Die Bar füllt sich. Mehrere Gruppen kommen hinzu und bilden neue Kreise.
Immer wieder hören wir An too … klatsch, klatsch, klatsch.
Eine Gitarre taucht auf. Mit nur 5 Saiten. Das ist typisch hier. Warum? Die Erklärung schulden wir euch noch, aber wir werden es in Erfahrung bringen.
Einer spielt. Alle singen mit, oft mehrstimmig. Es klingt perfekt und doch spontan.
Wir spielen und singen auch mit.
Ein Fest.
Eine Erfahrung kaum zu beschreiben.

Wir schauen uns an und besprechen uns kurz: Die Musik für den Dokumentarfilm haben wir hier auf jeden Fall gefunden. Auch wenn im Film sicher nicht die ganze Zeit genau diese Musik zu hören sein wird, haben wir jedenfalls die Musiker gefunden.
Wir geben euch selbstverständlich hier eine kleine Kostprobe.
Viel durften wir nicht aufnehmen, und auch nur mit unserem Camcorder, wir sind ja (noch) in Urlaub. 😉

 

Unschärferelation

Wir gingen als Team bei Ebbe hinaus. Wir hatten drei Kinder als Pünktchen da draußen ausgemacht. Sie trugen Plastikschüsseln bei sich und saßen auf dem höchsten Punkt in der flachen Lagune. Wir wollten von Nahem sehen, was sie taten, „Mauri“ sagen und ein paar Fotos schießen. Als wir anlangten, sahen wir, dass sie Muscheln im Schlicksand sammelten und immer wieder Erfrischung in den azurblauen flachen Wasserlöchern im Lagunensand suchten. Der Älteste der drei mag sieben Jahre alt gewesen sein, der Jüngste kaum fünf.

Wir grüßen: „Mauri“, bekommen aber kaum ein Nicken zur Antwort. Nur einer der Jungen lächelt breit. Wir bücken uns und suchen auch mit. Viviana und die kleine Maira werden rasch fündig.

Der eifrigste und älteste der drei Jungen meinte vielleicht, wir hätten uns Ansporn verdient. Er warf uns eine seiner Muscheln, die viel größer war als unsere, zur Belohnung zu. Wir dankten und gruben schweigend weiter. Die Jungen sprachen kein Englisch. Wir sprachen kein Kiribati. Die Flut blubberte heran. Es wurde Zeit zu gehen. Auch für die Jungs. Christina und Claudia hatten schon das Ufer erreicht. Das Wasser stieg. Mark folgte ihnen, die Nikon auf der Schulter abgelegt. Ich trug Maira auf meinem Arm. Auch die Jungens wandten sich zum Gehen. Der Boden war voller stacheliger Korallensteine und scharfkantiger Muschel. Wir ahmten den Gang der drei nach. Sie setzten die Füße langsam auf den Boden, fühlten den Weg vor, folgten den höheren, sandigen Stellen des Grundes. Bald würden wir am Ufer sein. Es gab keine Gefahr.

Da ließen sich die drei mit eindrucksvollen Posen rückwärts und vorwärts in das tiefere Wasser zu den Seiten der sandigen Erhöhung fallen, tauchten, hielten die Luft an, mimten Ertrinkende, tauchten wieder auf und kicherten. Der kleinste der drei zappelte hektisch im Wasser. Der größte schwamm neben ihm und lachte immer noch aus vollem Hals. Mark hielt auf dem Weg zum Ufer an, rief unverständliches, kehrte dann um, zu uns zurück. Der dritte Junge tauchte lange. Er tauchte viel zu lange. Gunnar zog den Zappelnden aus dem Wasser und hob ihn auf seinen Arm. Der Kleine war in Panik, aber es ging ihm gut. Ich behielt den Tauchenden im Auge. Die Sekunden dehnten sich. Irgendetwas war mit der Zeit geschehen. Sie stimmte nicht mehr. Nichts stimmte mehr. Ich nahm Gunnar den verstörten Jungen ab. Das Wasser war hier nun anderthalb Meter tief. Ich trug den Kleinen auf einem Arm und Maira auf dem anderen, strebte so schnell ich konnte zu der erhöhten Stelle zurück, von der das Meer die beiden Plastikschüsseln der Jungs längst hinfort geschwemmt hatte, während Gunnar durch das Wasser eilte, um den Tauchenden herauszuziehen.

Ich hatte die beiden Kinder auf den erhöhten Korallenboden gestellt. Das Wasser reichte ihnen hier nur gerade bis zu den Unterschenkeln. Sie hielten sich an meinen Beinen fest. Ich sah, dass der dritte der Jungen das Ufer erreicht hatte. Offenbar konnte er schwimmen. Aber das Kind, das Gunnar da flach auf seinen Armen liegend heranbrachte, atmete entweder äußerst flach oder überhaupt nicht mehr. Mund und Nase waren voller Schaum. Die Augen blickten ins Nichts. In unserer Blase der falsch geratenen Zeit schütteln wir den Getauchten, drücken ihm Brustkorb und den unteren Rücken. Mehr Schaum stürzte aus seiner Nase. Der Atem wurde stärker oder setzt erstmals wieder ein. Mark langte auf unserer kleinen Insel an, übernahm den Jungen von Gunnar, schüttelte ihn wieder, während Gunnar seinen Brustkorb drückte. Mehr Schaum. Aber es gab hier keinen Platz. Wir konnten den Jungen weder auf die Seite legen, noch seinen Brustkorb bearbeiten, noch ihn beatmen. Aber mit drei Erwachsenen würden wir den Weg zum Ufer schaffen können.

Gunnar schulterte erneut den Jungen, dem immer wieder Schaum aus der Nase rann und der wie ein Schlafender zu weinen begann. Er lebte. Er lebte noch. Aber er wollte schlafen und Mark watete hinter Gunnar und dessen Schützling her und begann die Wangen des Jungen mit der flachen Hand zu klatschen. „Wake up“, rief er. Und „Don’t you sleep!“ Und zum Ufer hin brüllte er „We need help. Get us fresh water!“
Zwei Männer aus dem Dorf kamen uns vom Ufer in das Wasser entgegen. „Nicht einschlafen“ sagten sie auf Kiribati dem kleinen Kopf an Gunnars Schulter.

Am Ufer erwarteten uns fast vierzig Menschen. Drei Flaschen eiskaltes Wasser wurden gereicht. Gunnar kniete sich erschöpft mit dem Jungen im Arm auf den Boden. Der Junge mochte nichts trinken. Mark aber schüttete das eiskalte Wasser über den Kopf und den Nacken des Jungen, der erschrak, scharf aufatmete und dann das Salzwasser vermengt mit weißem Schaum aus seinen Lungen spie. Gemeinsam mit den Leuten aus dem Dorf begannen wir über die Menge an Wasser zu jubeln. „Schau doch, der Junge atmet wieder“, sagte Maira zu mir. Ich hielt sie ganz fest im Arm.

Später versorgten wir am Auto unsere lächerlichen Fußverletzungen. Beim Gang ans Ufer hatten wir weder auf Korallen noch auf Muscheln geachtet. Die Sirene der Ambulanz heulte.

Was hatten wir nur angerichtet? Die drei Jungen waren sicher oft da draußen bei Ebbe. Selbst wenn sie nicht gut oder gar nicht schwimmen konnten, war ihnen das Meer vertraut. Immer wieder bis jetzt redeten wir im Team über die drei. Wir hatten sie in Gefahr gebracht. Wegen uns hatten sie die Grenzen ihrer Fähigkeiten überschritten. Wir waren die Störenfriede in ihrer Welt, die Erfüllung einer sozialen Unschärferelation, wonach sich nichts beobachten lässt, ohne es nicht zugleich zu verändern und dabei nie zu wissen, ob die Veränderung gut oder schlecht sein wird.

Es war die erste große Lektion. Im Allgemeinen. Für uns, hier an diesem Ort. Wir werden viel sorgsamer sein müssen in unseren Handlungen, behutsamer im Umgang mit den Menschen, die wir als Dokumentarfilmer*innen achten wollen und nicht gefährden dürfen.  (Text: Viviana Uriona)