Abatao

Offiziell sind wir noch „Touristen“ und es ist wieder Wochenende. Also machen wir eine „Cultural Tour“ nach Abatao und lernen diese Seite der Insel kennen.

Abatao ist die zweite Insel von Nord-Tarawa, und die erste, die nicht mehr über eine Brücke zu erreichen ist. Sie gilt bereits als Outer Island. Ein Vorgeschmack ist sie also auf die anderen abgelegeneren Inseln Kiribatis.

Die Gezeiten lassen es leider nicht zu, dass wir mit einem Boot über die Lagune fahren, also werden wir mit einem kleinen Bus abgeholt, und fahren die uns inzwischen gut bekannte Straße bis zum Flughafen von Bonriki und dann nordwärts über die abenteuerliche Brücke rüber nach Buota, der ersten Insel von Nord-Tarawa. Die Flut setzt ein und das Wasser, das hier unter der Brücke in die Lagune strömt, ist bereits ziemlich tief. Kinder und Jugendliche nutzen die baufällige Brücke als Sprungturm, sich geschickt am Stacheldraht vorbei schummelnd, der wohl genau das verhindern soll. Es herrscht ausgelassene Stimmung überall, es ist eben Wochenende, ein Ausflugstag.

Es geht weiter, etwas abseits über einen Sandweg zu einem kleinen Dorf. Hier sind die meisten Bauten traditionell und es gibt viel mehr Platz, nicht jeder Zentimeter ist zugebaut, wie wir es aus Süd-Tarawa gewöhnt sind. Vor einer kleinen Mwaneaba (Versammlungshaus) halten wir an. Dort sitzen in verschiedenen Grüppchen Frauen und Mädchen unter dem Dach aus Blättern des Schraubenbaums und sind mit verschiedensten Flechtarbeiten beschäftigt. Kato, unsere Begleiterin, erklärt uns, dass hier gerade die Arbeiten vorgeführt werden, die sonst jeder zu Hause macht. „Vorgeführt“. Es beschleicht mich ein unangenehmes Gefühl, dass ich auch in den Gesichtern der anderen Mitglieder des Teams wiedererkenne. Genau diese künstlichen Situationen wollten wir nicht. Aber jetzt sind wir hier und versuchen, die Distanz zwischen uns als Touristen und den anderen als Einheimischen/Fremden zu überwinden.

Ich setze mich zu einer Frau, die Seile aus Kokosstroh macht und versuche es selbst. Unter dem herzlichen, ermunterndem Gelächter der Umsitzenden versuche ich anfangs vergeblich, das Kokosseil durch Zwirbeln zwischen Hand und Unterschenkel zu verlängern. Es sieht so leicht aus und braucht doch viele Versuche, bis es mir endlich einmal gelingt. Meine Neugier hilft, das Eis zu brechen. Wir kommen ins Gespräch und ich bin keine bloße Beobachterin mehr. Mich fasziniert, wie sie auf einfache, aber doch ausgeklügelte Art alle notwendigen Sachen aus den vorhandenen Materialien herstellen, sei es ein wasserdichtes Dach aus Pandanusblättern, die Seile aus Kokosstroh oder die verschiedensten Flechtarten für Matten mit den unterschiedlichen Bestimmungen.

Von der anderen Seite der Mwaneaba höre ich die Freudenrufe und das Gekicher rund um die kleine Maira. Sie haben ihr aus Palmenblättern Spielzeug gebaut: einen Vogel, eine Brille, einen Würfel, am Arm trägt sie eine Armbanduhr und auf dem Kopf eine Krone. Sie erklären uns, dass die Kinder hier nicht so viel Spielzeug gekauft bekommen, sondern einfach mit dem spielen was da ist und was mit viel Fantasie selbst gebastelt wird. Maira geht reich beschenkt aus und alle rufen uns lachend „ti a boo“ (ausgesprochen: [saboo] = Auf Wiedersehen) hinterher.

Es geht weiter zur „Fähre“, mit der wir nach Abatao übersetzen werden. Es herrscht reger Verkehr. Auf das kleine Ausleger-Kanu werden Möbel und Fahrräder geladen. Unglaublich, was damit alles transportiert werden kann. Irgendwann sitzen dann auch wir auf den schaukelnden Brettern, baumeln mit den Beinen im klaren Wasser und genießen die Überfahrt.

Nach einem kurzen Spaziergang durch Bäume und Sträucher warten zwei Überraschungen auf uns. Uns war eine Muschelfarm angekündigt worden, genau die finden wir auch. Aber hier geht es nicht um Ernährung sondern um eine seltene Muschelart, die wegen ihrer Schönheit gehalten und von diesem kleinen Ort in die ganze Welt exportiert werden, um Aquarien zu schmücken. Die kleinsten sind nicht größer als ein Fingernagel andere so groß wie ein Laib Brot. Sie alle schillern zwischen ihren Schalen in den verschiedensten Schattierungen von grün über azurblau bis ins tiefste lila.

Direkt daneben strahlt uns ein kleines Beet mit Tomaten an, einige leuchten rot. Das ist eine absolute Kostbarkeit hier auf den Inseln und wir Erwachsenen müssen uns mit dem Anblick begnügen, aber Maira bekommt eine Tomate geschenkt und genießt sie sichtlich.

Den Nachmittag verbringen wir mit Baden und Essen an einem Ort, an dem wir schon vor ein paar Wochen eigenständig waren und der den herkömmlichen Vorstellungen von einem Südseeparadies sehr nahe kommt, direkt am Wasser mit weißem Strand, unter Palmen und Brotfruchtbäumen, immer umweht von einem frischen Wind. Wir kommen mit Kato ins Gespräch, auch über Themen jenseits des Tourismus.

Am Ende schlendert sie mit uns durch das angrenzende Dorf Abatao. Immer wieder gibt es Begrüßungen: „Mauri Mauri“ und kurze Scherze und Gespräche, man kennt sich.

Aus einer Baumkrone heraus werden wir winkend verabschiedet. Wir wollen wieder kommen – und dann nicht als Touristen.

(Text: Claudia Skodda, Foto: Mark Uriona)

 

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