Gemeinsam fürs Klima

Der 8. September ist ein weltweiter Aktionstag für den Klimaschutz. In über 70 Länder sind Aktionen und Demonstrationen geplant, um den Forderungen nach einer Energiewende hin zu 100% Erneuerbaren mehr Druck zu verleihen. Allein in Deutschland sind über 25 Veranstaltungen geplant.

Auch hier auf den Marshall Islands und auf anderen pazifischen Inseln bereitet man sich auf den 8. September vor. Unter dem Motto #RiseForClimate und dem Motto #RiseForPacificPawa (“Pawa” – Pidgin-Englisch für ” Power”) vereinen sich die vielen kleinen Inselstaaten, um sich gemeinsam zu unterstützen und der Welt zu zeigen: wir gehen nicht unter, wir kämpfen. Sie kämpfen für den Klimaschutz, für das Überleben ihrer Inseln und damit verbunden für ihre kulturelle Identität.

Wir haben u.a. das Vorbereitungstreffen der Umweltorganisation Jo-Jikum gefilmt, die unser lokaler Partner und Teil der globalen Klimabewegung 350.org ist. Das diesjährige Symbol der Aktivitäten ist das Kikonang, eine Art Windrad aus Palmenblättern. Es steht für Bewegung, für erneuerbare Energien wie Wind- und Solarenergie, für das Kunsthandwerk, das hier eine wichtige kulturelle Bedeutung hat und viele Menschen erinnert es auch ganz einfach an ihre Kindheit, da es ein beliebtes Spielzeug auf den Inselstaaten war und ist.

Das Motto vom letzten Jahr war #Haveyoursei, die Blume hinter dem Ohr, als Symbol für die Kulturen des Pazifik. Das folgende Video der Marshall Islands wurde auch auf der COP23 in Bonn, Deutschland, gezeigt.

Es ist wichtig, die Klimakrise global anzugehen. Auf den Marshall Islands gibt es keine Industrie, die Menschen hier tragen am wenigsten zur Umweltverschmutzung durch den Ausstoss von Treibhausgasen bei. Sie sind aber die Ersten, die von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Mehr Infos dazu findet ihr unter diesen Links:

https://riseforclimate.org

https://350.org

https://350pacific.org

Perspektiven

In diesem Beitrag wollen wir Euch zwei ungewöhnliche Perspektiven auf die Marshall Inseln zeigen: Den Blick aus der Luft und den Blick unter die Oberfläche des Wassers.

Während des zweiten Weltkrieges waren die Marshall Inseln aufgrund ihrer geographischen Lage im Pazifik Schauplatz zahlreicher kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen den USA und Japan. Noch heute sind die Spuren davon sichtbar. So findet man auf und um die verschiedenen Atolle die Überreste von Bunkern und Kontrollzentren, gesunkene Schiffwracks und abgestürzte Flugzeuge. Das obere Foto zeigt die Ruinen japanischer Tanker auf der Insel Tarawa im Maloelap Atoll. Im Video seht ihr ein amerikanisches Flugzeugwrack (vermutlich ein kleiner Bomber), Während des zweiten Weltkrieges waren die Marshall Inseln aufgrund ihrer geographischen Lage im Pazifik Schauplatz zahlreicher kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen den USA und Japan. Noch heute sind die Spuren davon sichtbar. So findet man auf und um die verschiedenen Atolle die Überreste von Bunkern und Kontrollzentren, gesunkene Schiffwracks und abgestürzte Flugzeuge. Das obere Foto zeigt die Ruinen japanischer Tanker auf der Insel Tarawa im Maloelap Atoll. Im Video seht ihr ein amerikanisches Flugzeugwrack (vermutlich ein kleiner Bomber), das auf dem Grund der Lagune von Majuro liegt. Es ist zu einem künstlichen Riff für eine Vielzahl von Lebewesen geworden. Ironie der Zeit.

 

Wir bleiben in der Lagune von Majuro und werfen einen Blick auf die Insel Kolol En.

Es herrscht gerade Ebbe. Doch bei den verschiedenen hohen Flutständen liegen die bräunlichen, unbewachsenen Stellen des Atolls immer wieder ganz oder teilweise im flachen Wasser. Die grünen, bewachsenen Teile erheben sich nur etwas höher als die bräunlichen.

Ihr könnt euch leicht ausmalen, was hier geschieht, wenn der Meeresspiegel auch nur ganz wenig steigt.

Kolol En ist kaum besiedelt und ein beliebtes Ausflugsziel der Marshallesen. Wir haben euch dieses Video ausgesucht, weil Gebäude und Schutzbauten euch hier den Blick für das Wesentliche nicht verstellen können. Es gibt Grün. Es gibt Braun. Jetzt ist Ebbe. Bald kommt Flut. Ihr müsst nur hinschauen.

Gegenüber der kleinen Insel Kolol En, auf der anderen Seite der Lagune liegt – kein Stück höher als die grünen Teile von Kolol En – die große Majuro City, eine moderne Welt mit vielen Menschen, Wohnhäusern, Kindergärten, Schulen, zwei Universitäten, einem internationalen Flughafen, Rundfunkstationen, Bürogebäuden, Einkaufszentren, Fabriken – all das wird bislang von „Seawalls“ beschützt, die man von Zeit zu Zeit höher zieht.

Das gesamte Staatsterritorium der Republik der Marshall Inseln besteht aus flachen Korallenatollen.

Es gibt keine einzige Berginsel. Keinen Rückzugsraum. Was würdet ihr tun?

 

 

 

Stewards of the Environment

Eine Woche lang begleitete unser Teammitglied Christina Schulze ein Forschungsteam um den marshallesischen Wissenschaftler Mark Stege bei ihren Arbeiten auf dem Maloelap Atoll. Von dieser Woche hat sie euch einen kleinen Film mit dem Titel “Stewards of the Environment” mitgebracht, der euch bereits einiges von der Erzählart und den Stimmungen unseres zukünftigen Filmes zu verraten vermag.

Und ganz 13.070 Kilometer entfernt vom Maloelap Atoll komponierte der Potsdamer Musiker Marc Schicker ihrem Video beim Anschauen die Musik auf den Leib. Viel Spaß beim Ansehen und Anhören.

Die Arbeit des Forschungsteams um Mark Stege wurde ermöglicht durch „Unitarian Universalist Service Committee“ und die „Marshall Islands Conservation Society“.

 

Kamera läuft und läuft und läuft

Wir sind nach Rita gefahren. Weiter fahren kann man nicht, hier endet Majuros einzige Hauptstrasse. Von diesem Punkt aus kann man auf die nächsten Inseln des Atolls rüberschauen, die sich rund um die Lagune anordnen. Den Ort haben unsere Workshopteilnehmer Hanson und Ronny für ihr Interview vor der Kamera ausgewählt. Beide sind hier in Rita aufgewachsen, leben jetzt aber im Stadtzentrum („town-town“) von Majuro.

Wir bauen das Stativ auf, richten gemeinsam die große Canon ein und checken den Ton. Ok, sind alle bereit? „Audio nimmt auf.“ „Kamera läuft.“ Los geht´s.

Die dritte Workshop-Woche hat begonnen und wir sind bereits mittendrin im Filmen und Interview führen. Wir haben insgesamt 46 TeilnehmerInnen in 6 verschiedenen Workshops über die Woche verteilt und die Dinge entwickeln sich schnell.

Zu Beginn der Workshops gibt es jeweils einen theoretischen Input zu den Bereichen Technik, Audio, Kameraführung, Bildausschnitt, Interview und Stilmittel im Dokumentarfilm. Dann geht es direkt in die Praxis, wir gehen raus, suchen nach Orten für Interviews, die Workshop-TeilnehmerInnen befragen und filmen sich zunächst gegenseitig. Wie Detektive begeben wir uns auf die Suche nach wahren Geschichten. Gemeinsam überlegen wir, wer als Interviewpartner (außerhalb unseres Kreises) für den Film über die Marshall Islands in Frage kommt. Die TeilnehmerInnen trauen sich langsam immer mehr zu und merken, wie viel sie eigentlich schon über das Handhaben der Technik wissen, aber vor allem auch über ihr eigene Geschichte und Kultur, die sie uns kontinuierlich vermitteln. Neben den Stimmen von Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft, Bildung und Wissenschaft, sind wir besonders daran interessiert, auch die Stimmen der sogenannten “normalen Leute” zu hören und aufzunehmen.

Aber heute sind wir in Rita. Hanson interviewt Ronny, der spricht an manchen Stellen im Interview lieber auf Marshallese. Wir verstehen tatsächlich einige Brocken, denn manche Wörter sind aus dem Englischen übernommen. Wörter wie „plastic“ und „Climate Change“. Aber viel ist es nicht, was wir ausmachen können.

Interview von Ronny und Hanson in Rita.

Dennoch ist es uns wichtig, dass die englische Sprache keine Barriere darstellt. Wir sprechen es immer wieder an, dass jedem frei gestellt ist in English oder Marshallese zu sprechen. Wichtig ist, dass sich die Interviewten wohl fühlen, wenn sie etwas mitteilen wollen. Wir haben sowieso vor, mit ÜbersetzerInnen gemeinsam das Material auszuarbeiten und die TeilnehmerInnen sprechen ja Marshallese.

Wir wissen nicht Alles, was Ronny an diesem Tag in Rita zu berichten hatte. Aber wir haben seine Mimik und Gestik gesehen, als er Marshallese sprach. Sie war eindringlich. So reden Menschen, die etwas zu erzählen haben. Wir sind gespannt, bald zu erfahren, was es war.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/04/Majuro_Satellite.PNG

Karte von Majuro. Die befestigte Straße führt von „Laura“ nach „Rita“ und selbstverständlich zurück. Die Namen kommen aus der Zeit der US-Amerikanischen Stationierung und sind Anleihen der amerikanischen Soldaten bei den Schauspielerinnen „Rita Hayworth“ und „Lauren Bacall“.

Wir haben in Laura 13 TeilnehmerInnen aus der High School im Montags-Workshops.
Sie sind unsere jüngste Gruppe.

Unser großer Tag: Kickoff-Meeting für Workshops

18. April 2018: Wir haben sehr lange auf diesen Tag hingefiebert, es ist die erste große Infoveranstaltung, um TeilnehmerInnen für unser partizipatives Filmprojekt zu gewinnen. Wir hatten im Vorfeld viel Werbung für dieses Treffen gemacht. Wir haben Anzeigen über Facebook geschaltet, eine Massen-SMS an alle Handybesitzer auf der Insel verschickt. Das Marshall Islands Journal schrieb über uns und Mark war als Gast bei einer Live-Sendung im Radio. Die Stadt war voll mit unseren Flyern und wir hatten bereits für ordentlich Mundpropaganda gesorgt. Wir sind auf der Hauptinsel Majuro schon bekannt wie bunte Hunde (siehe auch unseren letzten Blogeintrag).

Doch wie viele Menschen würden am Ende zu unserem Treffen kommen? Wir konnten das schlecht einschätzen und hofften auf das Beste.

Wir hatten von 10 bis 12 Uhr einen Raum am College of the Marshall Islands (CMI) bekommen. Die ersten Teilnehmer trudelten schon vor 10 Uhr ein und wir begrüßten sie freudig. In der Nacht zuvor gab es einen langen Stromausfall und es regnete bereits den ganzen Morgen, wir würden wohl später beginnen. Wir besorgten Getränke und kleine Snacks, um die Wartezeit zu verkürzen.
Der Raum füllte sich langsam und es konnte losgehen. Wir eröffneten das Treffen zusammen mit Jina David als Vertreter unserer Partnerorganisation Jo-Jikum, die im Bereich Bildung und Klimawandel aktiv sind. Wir sind Jina David sehr dankbar, denn er hat uns vom ersten Tag an sehr unterstützt und ist zu einem Freund geworden. Wir freuen uns mit ihm und Jo-Jikum zusammen zu arbeiten.

Wir wurden nicht enttäuscht, es kamen insgesamt 26 Interessierte, darunter offizielle Vertreter des College und Studierende, Mitglieder unterschiedlicher NGOs, sowie Einzelpersonen, die sich für Filmproduktion interessieren. Wir stellten ihnen den Ansatz des partizipativen Filmemachens vor, erklärten wie die Workshops zum Drehen, Interviews führen und Schneiden ablaufen werden. Als Beispiel für so ein Projekt zeigten wir Filmausschnitte aus unserem ersten partizipativen Dokumentarfilm Sachamanta. Das Interesse war groß und fast alle trugen sich nach der Präsentation für die kommenden Workshops ein. Nach der Veranstaltung erreichten uns weitere Meldungen per Mail und Facebook von Leuten, die uns ihre konkreten Zeitfenster mitteilten, um auch an den Workshops teilnehmen zu können. Sie werden auch mit an Bord sein. Wir freuen uns sehr auf die Arbeit mit den Gruppen in den jeweiligen Workshops, auf die Geschichten und das gemeinsame Lernen. Am Ende werden es die BewohnerInnen der Marshall Islands sein, die diesen Dokumentarfilm mitgestalten und verwirklichen.

Wie bunte Hunde

Vieles ist seit unserem letzten Eintrag geschehen.
Am 2. April bekamen wir unsere Visa und zwar für die Dauer eines ganzen Jahres. Yippiiii!!!
Ab diesem Moment konnten wir richtig los legen. Es passiert gerade viel. Heute wollen wir euch kurz über das größte bevorstehende Ereignis berichten, an dem wir gerade auf Hochtouren arbeiten.

Gemeinsam mit Jo-Jikum* organisieren wir für den 18. April das erste öffentliche Meeting, zu dem wir alle Interessenten für die Workshops eingeladen haben. Darüber haben wir über Facebook die ganze Region informiert. Wir sendeten außerdem eine Massen-SMS über die nationale Telefongesellschaft NTA heraus und verteilten in ganz Majuro Flyer. Auch gab es einen Artikel in der wöchentlich erscheinenden Zeitung über unser Projekt.

Gestern gab Mark ein Interview in einem der drei lokale Radiosender. Die Erfahrung war wieder überwältigend. Ganz im Sinne der lokale Radios in Lateinamerika sendeten die Zuhörerinnen Nachrichten via Handy und Facebook oder riefen direkt an, um Genaueres zu erfahren.

Selbstverständlich sind wir auf das Meeting gespannt. Bis dahin können wir nur vermuten, wie viele Menschen kommen und wie viele tatsächlich mitmachen werden. In den nächsten Wochen gehen dann die ersten Workshops los. Die Rückmeldungen, die wir bis jetzt gesammelt haben, zeigen uns ein reges Interesse an dem Projekt und großes Interesse daran, es mitzugestalten.

Jedenfalls sind wir schon bekannt wie bunte Hunde.
Wir senden euch von der andere Seite der Erdkugel solidarische Friedensgrüße.

*Jo-Jikum ist eine lokale NGO, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Jugend der Marshall Islands dazu zu befähigen, Lösungen für die Umweltproblematiken auf ihren Heimatinseln zu finden, aber seht selbst: http://jojikum.org/

Erster Drehtag: Vergeben, aber nicht vergessen – die US-Atombombentests auf den Marshall Islands

Die erste ernsthafte Bedrohung für die Existenz der Marshall Islands waren Atombomben. 67 (in Worten: Siebenundsechzig!) Kernfusions- und Kernspaltungsbomben zündeten die USA über Teilen „ihres“ ehemaligen UN-Treuhandgebietes. Nicht wenige hier sagen, die neue Bombe, die von außen kommt, wird kaum weniger schlimm sein. Sie reden vom Klimawandel. Er wird das Land nicht verstrahlen. Er wird es verschlingen.

Es ist kurz vor acht Uhr morgens und wir machen uns auf den Weg zu unserem ersten Dreh auf den Marshalls. Wir befinden uns auf dem Majuro-Atoll. Kaum sitzen wir im Taxi, fängt es an, in Strömen zu regnen. Das Taxischild liegt im Kofferraum, am Steuer sitzt Mark. Am Vortag hatten wir einen Taxifahrer gebeten, uns am nächsten Morgen für unseren Dreh abzuholen. Er reagierte unerwartet, bot uns an, das Taxi für einen Tag zu mieten, ohne ihn. Er würde schlafen und wir könnten Taxi fahren so lange wir wollten. Guter Deal für beide Seiten. Vielleicht auch nicht. Mark ist müde, flucht. „Was ist das für eine Karre.“ Die Handbremse klemmt. Der Regler für die Automatik auch. Immerhin funktioniert die Klimaanlage. Jetzt haben wir also ein Auto. Der warme Regen wird immer stärker und verwandelt die einzige Hauptstraße, die vom Anfang bis zum Ende der Insel Majuro führt, in einen reißenden Fluss. Wir fragen uns, ob die Regenfälle hier immer schon so heftig ausfielen. Auf Kiribati sagte man uns, der Regen, der dort fehle, fiele nun anderswo um so stärker.

Links und Rechts sehen wir Häuser, dahinter jeweils in kurzer Distanz den aufgewühlten Ozean auf der einen Seite und die ruhigere azurgraue Lagune auf der anderen Seite.

Wir suchen den Ort, an dem sich die Menschen für den Friedensmarsch zum Jahrestag der Explosion von „Castle Bravo“ versammeln werden. Es war die größte Bombe, die jemals gezündet worden ist, eine Fusionsbombe, von der Beobachter sagten, es habe sich angefühlt, als sei der Schlund zur Hölle geöffnet worden. Mit einer unfassbaren Wucht von 15 Millionen Tonnen TNT explodierte sie am 1. März 1954 auf dem Bikini-Atoll. Die Kraft der Explosion und die radioaktive Strahlung traf die Bewohner der umliegenden Inseln heftig. Menschen starben, wurden krank und mussten ihre Heimatinseln für immer verlassen.

An jedem 1. März eines Jahres gedenken sie hier den Opfern der US-Atombombentests, die zwischen 1946 und 1958 auf den Marshall Islands durchgeführt wurden.

Kein Mensch ist bei diesem Unwetter gern auf der Straße. Vage Wegbeschreibungen des Vortages führen zu wilden Vermutungen und als wir die Insel ein drittes Mal in unserem Taxi fast komplett abgefahren sind, entdecken wir eine Schulklasse, die sich gerade auf den Weg zur Gedenkveranstaltung macht. Wir folgen dem Schulbus, dort angekommen warten bereits mehrere Schulklassen und eine Schüler_innenkapelle mit Bläsern und Trommeln. Auch Aktivist_innen und Überlebende der Atombombentests und deren Angehörige sind dort. Der Regen hat etwas nachgelassen. Es geht los. Wir positionieren uns mit Kamera, Ton und Regenschirm auf dem Mittelstreifen der Straße und filmen den an uns vorüberziehenden Marsch.

Der Marsch endet vor dem Parlamentsgebäude in „town, town“, wie man hier die Innenstadt nennt. Es sind überwiegend Kinder , die in Begleitung von einigen Erzieher_innen und Lehrer_innen an der Zeremonie teilnehmen. Eigentlich ist heute schulfrei an diesem Feiertag. Aber es ist wie überall auf dem blauen Planeten. Das Badengehen am Nachmittag hat einen Preis: die Teilnahme am Gedenktag. Ein Podest mit Rednerpult und Platz für die „wichtigen“ Gäste ist vorbereitet. Die Schulkinder finden Platz in anliegenden Zelten. Es sprechen die Bürgermeisterin von Majuro, die US-Botschafterin, ein Vertreter der NGO „Nuclear Free Movement“, ein Repräsentant der vier betroffenen Atolle und die Präsidentin der Marshall Islands Hilda Heine. Zwischendurch spielt eine Ukulele-Band traditionelle Musik.

Immer wieder fällt unsere große Kamera aus. Seit die Regenwolken dünner geworden sind und eine Äquatorsonne durch das verbleibende Himmelsgrau das Equipment erhitzt, ist die Canon schnell am Ende. Wir werden uns eine Eisbox kaufen müssen, um die Kamera für ihre Einsätze zu kühlen. Aber noch haben wir die nicht. Zwischen vier Minuten und zwanzig Sekunden bleiben Mark an der Kamera, bevor die Notabschaltung greift. Mark konzentriert sich auf das Wichtige, flucht immer wieder und filmt doch weiter, sobald die Kamera ihn wieder lässt. Abseits von den wichtigen Rednern und Rednerinnen sitzt eine traurige Frau, die seit langer Zeit ein Foto hochhält. Ihre Arme zittern schon. Aber sie lässt nicht ab. Es ist wichtig, dass alle Menschen das Bild sehen. Auch unsere Kamera. Mark nickt der Frau zu und formt die Lippen. „May I?“ flüstert er und sie nickt. Das Foto zeigt Lemeyo Abon.

Lemeyo Abon war eine der letzten Überlebenden der Atombombentests, sie starb kurz vor der Zeremonie am 19. Februar im Alter von 77 Jahren. Als Kind erlebte sie die Explosion von Castle Bravo auf der Insel Rongelap, die nur 200 km vom Bikini-Atoll entfernt ist.

„Als ich 13 Jahre alt war, explodierte die Wasserstoffbombe „Bravo“ auf der nächsten Insel. Es war früh am Morgen und wir bereiteten gerade das Frühstück draußen vor den Hütten vor. Plötzlich leuchtete die ganze Umgebung in einem grellen Licht auf, dann wurde der Himmel ganz rot. Wir hörten einen lauten Knall: ´BOOM!´ und der Boden unter uns bebte. Unser Dach wurde weggerissen und einige Kokospalmen fielen um. Ich hatte Angst.“ erinnert sich Lemeyo in dem Buch „Longing for my Home Island“ von Hanyuda Yuki. Das Buch erzählt ihre Lebensgeschichte, die symbolisch für eine ganze Generation steht. Sie wurde selbst sehr krank von der radioaktiven Strahlung, erlebte die Umsiedlung nach Kwajalein und die gescheiterte Rückkehr nach Rongelap, denn entgegen der US-Prognosen sind die betroffenen Inseln bis heute kontaminiert und somit eigentlich unbewohnbar. Eigentlich, denn trotz der andauernden Radioaktivität leben wieder Menschen dort. Sie hat mit internationalen Medien gesprochen, ist zu UN-Versammlungen gereist, um über die Auswirkungen der Atomtests zu berichten. Lemeyo klagt an, die USA hat die Inselbewohner als Versuchskaninchen benutzt, um die Verstrahlung menschlicher Körper zu untersuchen. Sie hat sich unermüdlich dafür engagiert, dass die Geschichte der Menschen auf den Marshallinseln weltweit nicht in Vergessenheit gerät. Heute, am 64. Jahrestag der Explosion von Castle Bravo, findet ihre Beerdigung im familiären Kreis statt.

Mittlerweile haben sich die Wolken ganz verzogen und die Sonne knallt gnadenlos auf den Platz vor dem Parlament. Es ist heiß. Sehr heiß. Unvorstellbar heiß, für europäische Verhältnisse. Die Schulkinder halten ungeduldig weiße Luftballons in der Hand, ab und zu steigt schon einer in den Himmel auf. Zu früh. Losgelassen. Nicht aufgepasst. Dann ist es aber soweit. Die Kinder dürfen zum Abschluss ihre Ballons fliegen lassen. Der nun strahlend blaue Himmel ist voller weißer Punkte. Die Menge zerstreut sich. Es ist überstanden.

Für uns ist der Tag noch nicht vorbei. Wir treffen Alson, einen Bikinian (einen Bewohner des Bikini-Atolls). Was er uns erzählte, war sehr eindrucksvoll und wir berichten euch davon in unserem nächsten Post.

Ti a boo und auf Wiedersehen

Noch vor einem halben Jahr war alles in Ordnung; wir steckten mittendrin in den Vorbereitungen für unser Filmprojekt auf Kiribati. Wir hatten eine Clearance des Büros des Präsidenten mit guten Aussichten auf eine Filmerlaubnis und Langzeitvisum. Kurz vor Weihnachten (wir waren noch in Deutschland) kam dann die Nachricht, dass unsere Clearance ausgesetzt ist; für wie lange konnte man uns nicht sagen. Wir flogen trotzdem, wollten alles vor Ort klären. (Link zu unserem ersten Blogbeitrag)

Was ist seitdem passiert? Wir befanden uns plötzlich auf einer diplomatischen Mission. Wir haben Jeder und Jedem von uns und unserer Situation erzählt. Alle hörten uns gespannt zu und sagten, es würde ihnen sehr leid tun; sie könnten es überhaupt nicht verstehen. Wir haben bei allen möglichen Institutionen vorgesprochen, mit Senatoren und Staatssekretären geredet. Ohne Erfolg. Wir standen in engem Kontakt mit dem Präsidentenbüro und schrieben auf dessen Vorschlag einen langen Brief, in dem wir unser Projekt erneut vorgestellt haben. Darauf wurde bisher nicht geantwortet.

Wir sind in ein Netz aus politischen Verflechtungen geraten, die mit uns persönlich wenig zu tun haben, aber dazu führten, dass wir unser partizipatives Filmprojekt hier momentan nicht wie geplant durchführen können. Nur sagte uns das niemand so explizit. Wir sollten warten. Und wieder warten. Und erneut warten. Wir warteten zur falschen Zeit am richtigen Ort.

Unser Arbeitsansatz überzeugte Jede und Jeden, selbst auf der Regierungsebene, wenn auch manchmal mit Mühe. Dennoch waren sie alle vorsichtig. Zu viele ungute Erfahrungen hatten sie gemacht mit ausländischen Filmemacher*innen und Journalist*innen, die mit vorgefassten Ideen auf Kiribati erschienen, mit Geschichten, zu denen sie nur noch die passenden Bilder suchten, ohne einen Hauch Interesse daran, was von Kiribati wirklich erzählenswert ist. Sie kamen mit vorgefertigten Drehbüchern, in zwei Wochen geschrieben und in einer Woche abgedreht. Die haarsträubendste Geschichte war die des japanischen ARD Büros, das einen Fischer filmen wollte, der an der Marine Schule in Tarawa lernt und mit einem traditionellen kleinen Katamaran auf seine Heimatinsel heimkehrt. Sie suchten nur noch die passende Person. Zu doof, dass kleine Katamarane selten hochseetauglich sind, auf Kiribati außer Mode sind und vor allem der passende Fischer nicht an der Marineschule zu finden war.

Wir arbeiten uns also voran. Wir fühlten Wind in unseren Segeln. Dass wir keine Geschichten im Kopf mitbrachten, sagten wir der Regierung. Auch, dass wir in unseren Workshops die Menschen von Kiribati dazu bewegen wollen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, von denen wir nichts wussten und nichts wissen konnten, bis wir sie hören würden.

Es schien eine gute Strategie und es war die Wahrheit.

Doch dann geschah etwas, dass die Wahrheit zu einem schlechten Argument machte und der schon fast gütlich gestimmten Regierung jede Lust nahm an der Vorstellung, dass die Menschen auf Kiribati selbst erzählen würden, was ihnen wichtig und wahr erschien.

Eine Fähre sank auf dem Weg von Nonouti nach Tarawa. Fast einhundert Menschen suchten Schutz in den zu wenigen Rettungsbooten und ertranken oder verdursteten oder starben an der sengenden Hitze über 6 qualvolle Tage hinweg im offenen Ozean, lange bevor die zuständigen Behörden auch nur eine Ahnung von dem Unglück hatten.

Kritik an der Regierung wurde laut. Eine Demo wurde aufgelöst, Menschen wurden schnell abtransportiert und unter Hausarrest gestellt. Aber die sozialen Medien konnte die Regierung nicht still halten. Menschen lasen und diskutierten die Berichte und Wortmeldungen zu den Ursachen der Katastrophe auf Facebook. Es ging um die bezahlbaren aber fehlenden Positionsmelder auf den Fähren, um den baufälligen Zustand der Fähre, die dennoch auslief, um das Versagen der Regierung, die Einhaltung von Gesetzen durchzusetzen, die auf dem Papier schön aussehen, aber nicht in der Realität ankommen.

Abflug Tarawa Atoll

Spätestens vor dem Hintergrund dieser veränderten Umstände passte unser partizipativer Ansatz überhaupt nicht mehr. Die Regierung hatte Angst vor lauter Kritik seitens der Bevölkerung. Ein neuseeländisches Reporterteam wurde an der Berichterstattung zum Fährunglück auf Kiribati gehindert, sie wurden gezwungen ihre Daten, also Interviews und Fotos, zu löschen. Immer wieder wurden die Reporter auch gefragt, ob sie über den Klimawandel schreiben würden. Die politische Situation spitzt sich auf Kiribati gerade zu, die neue Regierung will ihre Macht etablieren und versucht sich nach außen hin abzuschotten. Journalisten müssen ausreisen, ausländische Filmteams bekommen keine Drehgenehmigungen mehr und / oder dürfen erst gar nicht einreisen. Im Radio wurde die Bevölkerung sogar dazu aufgerufen, Touristen mit Filmkameras bei der Polizei zu melden. Beim Fotografieren wurden wir mehrfach darauf angesprochen, wer wir sind, was wir hier machen und ob wir eine Filmerlaubnis haben. Die Polizei erkundigte sich über uns bei unserem Vermieter. Versteckte Interviews zu führen, kam auch nicht in Frage. Denn es gibt auf der Hauptinsel South Tarawa keine geheimen, einsamen Orte. Und zum anderen wollten wir unsere Freunde und Bekannten sowie Klimawandel-Aktivisten, die gerne mit uns zusammengearbeitet hätten, nicht in Schwierigkeiten bringen.

Auf Kiribatis veränderte politische Linie waren wir nicht vorbereitet. Das Ziel dieses Projektes war ein ganz anderes, nämlich gerade nicht im Verborgenen zu arbeiten, sondern ein Höchstmaß an Öffentlichkeit erzeugen, Leute einladen, an unseren Workshops teilzunehmen und mit ihnen gemeinsam die Ideen für den Film zu entwickeln. In einem Klima der aufkommenden Angst und anhaltenden Unsicherheit war das nicht möglich.

Mit der Entscheidung über die Filmerlaubnis hielt man uns weiter hin, ließ uns auf unbestimmte Zeit warten Bald lief unser Touristenvisum aus. Deshalb haben wir selbst entschieden, unsere Zelte abzubrechen und Kiribati verlassen. Wir  zogen um auf die Marschallinseln. Ein weiterer, kleiner Inselstaat inmitten des weiten südlichen Pazifiks, dem aufgrund des Klimawandels ein ähnliches Schicksal wie Kiribati droht. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: der offene Umgang mit den Auswirkungen des Klimawandels seitens der Regierung. Und auch hier gibt es eine starke soziale Basis aus Bewegungen, die sich mit dem Klimawandel auseinandersetzen. 

Ankunft auf Majuro

Trotz vieler unguter Erfahrungen auf Kiribati sehen wir unsere 7 Wochen dort nicht als verschwendete Zeit an, sondern sind sehr dankbar für die Erfahrungen. Wir sind glücklich über die vielen kleinen und großen Begegnungen mit Menschen, die uns einen Einblick in die Kultur und Politik dieses Inselstaates erlaubten. Einige dieser Momente hat Mark auf seinem Fotoblog festgehalten. (Kameradist Wagner) Wir fühlten uns bei Allen, die wir trafen, immer herzlich willkommen und das Interesse am Projekt war groß. Wir hoffen auf ein Umdenken der Regierung und auch darauf, in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht doch nach Kiribati zurückkehren zu können, um einen Teil des Filmmaterials dort aufzunehmen.

 

Wir bedanken uns bei all unseren Freunden aus Kiribati für die Herzlichkeit und die Wärme, für das Vertrauen und die Offenheit, das Scherzen und gemeinsame Lachen. Wir werden Euch sehr vermissen! Kabuta, hör nie auf, die Gitarre zu spielen und zu singen, auch wenn du ein alter Pfarrer sein wirst. Abe, eines Tages bist du der Präsident und dann wird ein sehr, sehr alter Kater ohne Katzenschwanz dein Ratgeber sein. Kataunati, ganz sicher wirst du zur See fahren und die Welt sehen. Hey, und Aurora: Du schaffst das und Abe wird dir helfen.

„Friendliest people in the pacific.“

Kam bati n rabwa
(Vielen Dank Euch!)

Text und Fotos: Christina Schulze

Abatao

Offiziell sind wir noch „Touristen“ und es ist wieder Wochenende. Also machen wir eine „Cultural Tour“ nach Abatao und lernen diese Seite der Insel kennen.

Abatao ist die zweite Insel von Nord-Tarawa, und die erste, die nicht mehr über eine Brücke zu erreichen ist. Sie gilt bereits als Outer Island. Ein Vorgeschmack ist sie also auf die anderen abgelegeneren Inseln Kiribatis.

Die Gezeiten lassen es leider nicht zu, dass wir mit einem Boot über die Lagune fahren, also werden wir mit einem kleinen Bus abgeholt, und fahren die uns inzwischen gut bekannte Straße bis zum Flughafen von Bonriki und dann nordwärts über die abenteuerliche Brücke rüber nach Buota, der ersten Insel von Nord-Tarawa. Die Flut setzt ein und das Wasser, das hier unter der Brücke in die Lagune strömt, ist bereits ziemlich tief. Kinder und Jugendliche nutzen die baufällige Brücke als Sprungturm, sich geschickt am Stacheldraht vorbei schummelnd, der wohl genau das verhindern soll. Es herrscht ausgelassene Stimmung überall, es ist eben Wochenende, ein Ausflugstag.

Es geht weiter, etwas abseits über einen Sandweg zu einem kleinen Dorf. Hier sind die meisten Bauten traditionell und es gibt viel mehr Platz, nicht jeder Zentimeter ist zugebaut, wie wir es aus Süd-Tarawa gewöhnt sind. Vor einer kleinen Mwaneaba (Versammlungshaus) halten wir an. Dort sitzen in verschiedenen Grüppchen Frauen und Mädchen unter dem Dach aus Blättern des Schraubenbaums und sind mit verschiedensten Flechtarbeiten beschäftigt. Kato, unsere Begleiterin, erklärt uns, dass hier gerade die Arbeiten vorgeführt werden, die sonst jeder zu Hause macht. „Vorgeführt“. Es beschleicht mich ein unangenehmes Gefühl, dass ich auch in den Gesichtern der anderen Mitglieder des Teams wiedererkenne. Genau diese künstlichen Situationen wollten wir nicht. Aber jetzt sind wir hier und versuchen, die Distanz zwischen uns als Touristen und den anderen als Einheimischen/Fremden zu überwinden.

Ich setze mich zu einer Frau, die Seile aus Kokosstroh macht und versuche es selbst. Unter dem herzlichen, ermunterndem Gelächter der Umsitzenden versuche ich anfangs vergeblich, das Kokosseil durch Zwirbeln zwischen Hand und Unterschenkel zu verlängern. Es sieht so leicht aus und braucht doch viele Versuche, bis es mir endlich einmal gelingt. Meine Neugier hilft, das Eis zu brechen. Wir kommen ins Gespräch und ich bin keine bloße Beobachterin mehr. Mich fasziniert, wie sie auf einfache, aber doch ausgeklügelte Art alle notwendigen Sachen aus den vorhandenen Materialien herstellen, sei es ein wasserdichtes Dach aus Pandanusblättern, die Seile aus Kokosstroh oder die verschiedensten Flechtarten für Matten mit den unterschiedlichen Bestimmungen.

Von der anderen Seite der Mwaneaba höre ich die Freudenrufe und das Gekicher rund um die kleine Maira. Sie haben ihr aus Palmenblättern Spielzeug gebaut: einen Vogel, eine Brille, einen Würfel, am Arm trägt sie eine Armbanduhr und auf dem Kopf eine Krone. Sie erklären uns, dass die Kinder hier nicht so viel Spielzeug gekauft bekommen, sondern einfach mit dem spielen was da ist und was mit viel Fantasie selbst gebastelt wird. Maira geht reich beschenkt aus und alle rufen uns lachend „ti a boo“ (ausgesprochen: [saboo] = Auf Wiedersehen) hinterher.

Es geht weiter zur „Fähre“, mit der wir nach Abatao übersetzen werden. Es herrscht reger Verkehr. Auf das kleine Ausleger-Kanu werden Möbel und Fahrräder geladen. Unglaublich, was damit alles transportiert werden kann. Irgendwann sitzen dann auch wir auf den schaukelnden Brettern, baumeln mit den Beinen im klaren Wasser und genießen die Überfahrt.

Nach einem kurzen Spaziergang durch Bäume und Sträucher warten zwei Überraschungen auf uns. Uns war eine Muschelfarm angekündigt worden, genau die finden wir auch. Aber hier geht es nicht um Ernährung sondern um eine seltene Muschelart, die wegen ihrer Schönheit gehalten und von diesem kleinen Ort in die ganze Welt exportiert werden, um Aquarien zu schmücken. Die kleinsten sind nicht größer als ein Fingernagel andere so groß wie ein Laib Brot. Sie alle schillern zwischen ihren Schalen in den verschiedensten Schattierungen von grün über azurblau bis ins tiefste lila.

Direkt daneben strahlt uns ein kleines Beet mit Tomaten an, einige leuchten rot. Das ist eine absolute Kostbarkeit hier auf den Inseln und wir Erwachsenen müssen uns mit dem Anblick begnügen, aber Maira bekommt eine Tomate geschenkt und genießt sie sichtlich.

Den Nachmittag verbringen wir mit Baden und Essen an einem Ort, an dem wir schon vor ein paar Wochen eigenständig waren und der den herkömmlichen Vorstellungen von einem Südseeparadies sehr nahe kommt, direkt am Wasser mit weißem Strand, unter Palmen und Brotfruchtbäumen, immer umweht von einem frischen Wind. Wir kommen mit Kato ins Gespräch, auch über Themen jenseits des Tourismus.

Am Ende schlendert sie mit uns durch das angrenzende Dorf Abatao. Immer wieder gibt es Begrüßungen: „Mauri Mauri“ und kurze Scherze und Gespräche, man kennt sich.

Aus einer Baumkrone heraus werden wir winkend verabschiedet. Wir wollen wieder kommen – und dann nicht als Touristen.

(Text: Claudia Skodda, Foto: Mark Uriona)

 

An Too und drei mal Klatschen

Es ist Samstag Abend.
Seit unserer Ankunft haben wir viele Menschen kennengelernt und trotz der kurzen Zeit auch schon Freundschaften geschlossen. Einer davon ist Kabuta, ein angehender Pastor, der gerne raucht und ein Bierchen trinkt und uns immer wieder dazu einlädt, mit ihm Kawa trinken zu gehen. Und heute ist es soweit.

In Vorfeld besprachen wir in der Gruppe, wer bei Maira bleibt und Christina erklärte sich dazu bereit. Was uns (Mark und mir) sehr entgegen kam, denn so eine Erfahrung wollten wir nicht weiter verschieben. Zumal die Kawa-Bar unmittelbar neben uns liegt, kaum 200 Meter von unserem Haus entfernt.

Kabuta holte uns gegen 19 Uhr ab. Wir speisten erst einmal zusammen. Dann machten wir uns entspannt auf dem Weg.

Die Kawa-Bar ist ein einfaches Haus. Unscheinbar. Oder auch nicht. Nur einige hängende Lichterketten und Blumen unterscheiden es von den anderen. Wir sind die ersten dort. Kabuta und einer vom Haus breiten Matten aus. Ein Weiterer fängt mit der Vorbereitung des Getränks an.
Wir setzen uns in einen Kreis. Eine Plastikschüssel mit eine Flüssigkeit, die ähnlich wie in Wasser verrührte Heilerde aussieht, wird uns gebracht und in die Mitte gestellt. Dazu eine Schöpfkelle und für jeden ein Plastikbecher. Ich nehme schon die Vorbereitungen mit einer unserer kleinen Kameras auf und werde in den nächsten Stunden immer wieder aufnehmen.

Kabuta erklärt uns: Ganz zu Beginn der Runde wird „An too“ gerufen und drei Mal geklatscht. So ähnlich wie in Deutschland Prost gesagt wird. Das Kawa-Ritual ist eine Tradition aus Fidschi. Der Becher wird in einem Zug geleert, es schmeckt wie es aussieht, Zunge und Gaumen werden leicht taub.

Die Bar füllt sich. Mehrere Gruppen kommen hinzu und bilden neue Kreise.
Immer wieder hören wir An too … klatsch, klatsch, klatsch.
Eine Gitarre taucht auf. Mit nur 5 Saiten. Das ist typisch hier. Warum? Die Erklärung schulden wir euch noch, aber wir werden es in Erfahrung bringen.
Einer spielt. Alle singen mit, oft mehrstimmig. Es klingt perfekt und doch spontan.
Wir spielen und singen auch mit.
Ein Fest.
Eine Erfahrung kaum zu beschreiben.

Wir schauen uns an und besprechen uns kurz: Die Musik für den Dokumentarfilm haben wir hier auf jeden Fall gefunden. Auch wenn im Film sicher nicht die ganze Zeit genau diese Musik zu hören sein wird, haben wir jedenfalls die Musiker gefunden.
Wir geben euch selbstverständlich hier eine kleine Kostprobe.
Viel durften wir nicht aufnehmen, und auch nur mit unserem Camcorder, wir sind ja (noch) in Urlaub. 😉

 

Unschärferelation

Wir gingen als Team bei Ebbe hinaus. Wir hatten drei Kinder als Pünktchen da draußen ausgemacht. Sie trugen Plastikschüsseln bei sich und saßen auf dem höchsten Punkt in der flachen Lagune. Wir wollten von Nahem sehen, was sie taten, „Mauri“ sagen und ein paar Fotos schießen. Als wir anlangten, sahen wir, dass sie Muscheln im Schlicksand sammelten und immer wieder Erfrischung in den azurblauen flachen Wasserlöchern im Lagunensand suchten. Der Älteste der drei mag sieben Jahre alt gewesen sein, der Jüngste kaum fünf.

Wir grüßen: „Mauri“, bekommen aber kaum ein Nicken zur Antwort. Nur einer der Jungen lächelt breit. Wir bücken uns und suchen auch mit. Viviana und die kleine Maira werden rasch fündig.

Der eifrigste und älteste der drei Jungen meinte vielleicht, wir hätten uns Ansporn verdient. Er warf uns eine seiner Muscheln, die viel größer war als unsere, zur Belohnung zu. Wir dankten und gruben schweigend weiter. Die Jungen sprachen kein Englisch. Wir sprachen kein Kiribati. Die Flut blubberte heran. Es wurde Zeit zu gehen. Auch für die Jungs. Christina und Claudia hatten schon das Ufer erreicht. Das Wasser stieg. Mark folgte ihnen, die Nikon auf der Schulter abgelegt. Ich trug Maira auf meinem Arm. Auch die Jungens wandten sich zum Gehen. Der Boden war voller stacheliger Korallensteine und scharfkantiger Muschel. Wir ahmten den Gang der drei nach. Sie setzten die Füße langsam auf den Boden, fühlten den Weg vor, folgten den höheren, sandigen Stellen des Grundes. Bald würden wir am Ufer sein. Es gab keine Gefahr.

Da ließen sich die drei mit eindrucksvollen Posen rückwärts und vorwärts in das tiefere Wasser zu den Seiten der sandigen Erhöhung fallen, tauchten, hielten die Luft an, mimten Ertrinkende, tauchten wieder auf und kicherten. Der kleinste der drei zappelte hektisch im Wasser. Der größte schwamm neben ihm und lachte immer noch aus vollem Hals. Mark hielt auf dem Weg zum Ufer an, rief unverständliches, kehrte dann um, zu uns zurück. Der dritte Junge tauchte lange. Er tauchte viel zu lange. Gunnar zog den Zappelnden aus dem Wasser und hob ihn auf seinen Arm. Der Kleine war in Panik, aber es ging ihm gut. Ich behielt den Tauchenden im Auge. Die Sekunden dehnten sich. Irgendetwas war mit der Zeit geschehen. Sie stimmte nicht mehr. Nichts stimmte mehr. Ich nahm Gunnar den verstörten Jungen ab. Das Wasser war hier nun anderthalb Meter tief. Ich trug den Kleinen auf einem Arm und Maira auf dem anderen, strebte so schnell ich konnte zu der erhöhten Stelle zurück, von der das Meer die beiden Plastikschüsseln der Jungs längst hinfort geschwemmt hatte, während Gunnar durch das Wasser eilte, um den Tauchenden herauszuziehen.

Ich hatte die beiden Kinder auf den erhöhten Korallenboden gestellt. Das Wasser reichte ihnen hier nur gerade bis zu den Unterschenkeln. Sie hielten sich an meinen Beinen fest. Ich sah, dass der dritte der Jungen das Ufer erreicht hatte. Offenbar konnte er schwimmen. Aber das Kind, das Gunnar da flach auf seinen Armen liegend heranbrachte, atmete entweder äußerst flach oder überhaupt nicht mehr. Mund und Nase waren voller Schaum. Die Augen blickten ins Nichts. In unserer Blase der falsch geratenen Zeit schütteln wir den Getauchten, drücken ihm Brustkorb und den unteren Rücken. Mehr Schaum stürzte aus seiner Nase. Der Atem wurde stärker oder setzt erstmals wieder ein. Mark langte auf unserer kleinen Insel an, übernahm den Jungen von Gunnar, schüttelte ihn wieder, während Gunnar seinen Brustkorb drückte. Mehr Schaum. Aber es gab hier keinen Platz. Wir konnten den Jungen weder auf die Seite legen, noch seinen Brustkorb bearbeiten, noch ihn beatmen. Aber mit drei Erwachsenen würden wir den Weg zum Ufer schaffen können.

Gunnar schulterte erneut den Jungen, dem immer wieder Schaum aus der Nase rann und der wie ein Schlafender zu weinen begann. Er lebte. Er lebte noch. Aber er wollte schlafen und Mark watete hinter Gunnar und dessen Schützling her und begann die Wangen des Jungen mit der flachen Hand zu klatschen. „Wake up“, rief er. Und „Don’t you sleep!“ Und zum Ufer hin brüllte er „We need help. Get us fresh water!“
Zwei Männer aus dem Dorf kamen uns vom Ufer in das Wasser entgegen. „Nicht einschlafen“ sagten sie auf Kiribati dem kleinen Kopf an Gunnars Schulter.

Am Ufer erwarteten uns fast vierzig Menschen. Drei Flaschen eiskaltes Wasser wurden gereicht. Gunnar kniete sich erschöpft mit dem Jungen im Arm auf den Boden. Der Junge mochte nichts trinken. Mark aber schüttete das eiskalte Wasser über den Kopf und den Nacken des Jungen, der erschrak, scharf aufatmete und dann das Salzwasser vermengt mit weißem Schaum aus seinen Lungen spie. Gemeinsam mit den Leuten aus dem Dorf begannen wir über die Menge an Wasser zu jubeln. „Schau doch, der Junge atmet wieder“, sagte Maira zu mir. Ich hielt sie ganz fest im Arm.

Später versorgten wir am Auto unsere lächerlichen Fußverletzungen. Beim Gang ans Ufer hatten wir weder auf Korallen noch auf Muscheln geachtet. Die Sirene der Ambulanz heulte.

Was hatten wir nur angerichtet? Die drei Jungen waren sicher oft da draußen bei Ebbe. Selbst wenn sie nicht gut oder gar nicht schwimmen konnten, war ihnen das Meer vertraut. Immer wieder bis jetzt redeten wir im Team über die drei. Wir hatten sie in Gefahr gebracht. Wegen uns hatten sie die Grenzen ihrer Fähigkeiten überschritten. Wir waren die Störenfriede in ihrer Welt, die Erfüllung einer sozialen Unschärferelation, wonach sich nichts beobachten lässt, ohne es nicht zugleich zu verändern und dabei nie zu wissen, ob die Veränderung gut oder schlecht sein wird.

Es war die erste große Lektion. Im Allgemeinen. Für uns, hier an diesem Ort. Wir werden viel sorgsamer sein müssen in unseren Handlungen, behutsamer im Umgang mit den Menschen, die wir als Dokumentarfilmer*innen achten wollen und nicht gefährden dürfen.  (Text: Viviana Uriona)

Im Prinzip Urlaub

Am 4. Januar 2018 kam unser kleines Team des Kiribati-Projektes auf dem Flughafen auf Tarawa an. Nach drei Reisetagen waren wir endlich da.

Als die Maschine noch in der Luft war, hatten wir uns die Nasen an den Fenstern plattgedrückt. Inmitten der azurblauen unermesslichen Weite des Pazifik, die wir für Stunden von Fiji aus überflogen hatten, lag da plötzlich tief unten etwas Land. Kreisrund ordneten sich die winzigen Atolle auf der Caldera eines uralten Vulkans an. Kaum vorstellbar, dass dort Platz sein sollte für die Landung des Jets. Doch es war Platz und wir landeten geräuschvoll. Durch die geöffneten Luken schoss die dickste Hitze herein. Nachdem wir die Rollbahn zu Fuß überquert hatten und am Zolltresen schließlich an die Reihe kamen, begannen die jungen Beamten hektisch zu telefonieren. Aus dem Büro des Präsidenten erhielten sie die Auskunft: „Send them all back to Fiji.“

Was war passiert?

Schon im Frühjahr 2017 hatten wir uns um die notwendigen Papiere für unsere Arbeit gekümmert. Das Präsidentenbüro hatte uns im Juni eine „Clearance“ ausgestellt, die jedem Menschen auf den Inseln empfahl, unsere Arbeit zu unterstützen. Auf der Basis dieses freundlichen Schreibens hatten wir Geld für das Projekt besorgt, die Unterstützung des Auswärtigen Amtes und des Konsulats von Kiribati erhalten, Equipment gekauft, Flüge gebucht und den Antrag auf Erteilung eines zehnmonatigen Visums beim Ministerium für Migration der Republik Kiribati gestellt.

Das Ministerium aber teilte uns wenige Tage vor Weihnachten per Mail mit, dass unsere „Clearance“ nur für drei von vier von uns gelte (Zwischenzeitlich hatten wir Christina mit in das Team geholt und das auch den hiesigen Behörden mitgeteilt.) und die Visaerteilung damit insgesamt für uns alle unmöglich sei. Als wir das Präsidentenbüro darauf hin baten, unsere „Clearance“ anzupassen, erklärten sie diese ebenfalls insgesamt für unwirksam. Die hiesige Politik hätte sich geändert, erfuhren wir von befreundeten Leuten aus Kiribati. Nach zahlreichen miesen Erfahrungen mit ausländischen Filmemacher*innen sei das Justizministerium unter einem neuen Präsidenten gebeten worden, neue Richtlinien für die Genehmigungserteilung auszuarbeiten, was erheblich dauern dürfte.

Was sollten wir tun? Unsere Flüge waren gebucht. Unsere Wohnungen waren untervermietet oder gekündigt. Claudias unbezahlter Urlaub bei ihrem Arbeitgeber hatte begonnen und würde nur 10 Monate lang dauern.

Also flogen wir. (Freunde, die wir später auf Tarawa trafen, bestätigten uns auch, dass dies der einzig richtige, der kiribatische Weg war, mit Behörden umzugehen. Das Motto lautet: „Geh hin und rede mit den Leuten. Niemand lässt sich hier von Mails überzeugen. Aber alle hören dir hier zu, wenn Du vor ihnen stehst.“)

Wir flogen also: zwölf Stunden von Düsseldorf nach Singapore. Nach acht Stunden Wartezeit fast ebenso lange nach Fiji und von dort aus nach drei Stunde weiter nach Tarawa und von dort aus fast wieder zurück nach Fiji, wohin wir abgeschoben werden sollten.

Den jungen Beamten schien die Anordnung aus dem Präsidentenbüro etwas peinlich zu sein. Sie sahen uns besorgt an und diskutierten heftig untereinander. Sie versorgten die kleine Maira (4 Jahre) mit kaltem Wasser. Und sie telefonierten. Ständig. Immer wieder. Bis es plötzlich hieß, wir könnten doch bleiben. Am nächsten Tag jedoch sollten wir uns im Büro für Migration melden und das pünktlich um 10.00 Uhr. Mit wem sie alles sprachen und wer für uns sprach, wissen wir bis heute nicht.

Freunde aus Kiribati hatten geduldig für zwei Stunden auf uns vor dem Flughafen in der prallen Hitze gewartet. Im Konvoi fuhren sie uns durch den unwirklich hellen Tag die einzige Hauptstraße entlang bis zu dem kleinen schattigen Haus unter Kokospalmen, das wir gemietet hatten. Auf der Fahrt scherzten sie und lachten viel. Wir hätten gerade die wichtigste Lektion gelernt: Geduld. Die zweite Lektion hier sei dann schon die Letzte: Es käme darauf an, immer respektvoll und freundlich aufzutreten. Genau so werden auch wir behandelt.

Mit diesen zwei Lektionen bewaffnet betraten wir am nächsten Tag das Migrationsbüro und kamen den ersten Schritt voran. Wir dürften weiterhin bleiben – als Touristen, bis über unsere Arbeitserlaubnis entschieden sei.

Nun sind wir also gezwungenermaßen Urlauber im Paradies. Was im Grunde ohnehin der Plan war. Als Maria von der Produktion uns auf die Reise schickte, da sagte sie: „Kommt erstmal für einen Monat an. Gewöhnt euch an das Klima und die Sitten. Sprecht mit den Leuten. Bekommt heraus, was sie brauchen und wer sich für eure Workshops interessiert. Knüpft ein Netzwerk. Verbündet euch.“

Genau das tun wir in diesen Tagen. Und es ist immer wieder überwältigend, wie viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft uns bei Gesprächen entgegen gebracht wird. Ein paar Urlaubsfotos und Urlaubsgeschichten hat euch Mark Uriona auf seinen Blog gestellt. Klick! Wir halten euch auf dem Laufenden, wie die Dinge vorankommen.

Ortung – Kiribati

Kiribati ist eine parlamentarische Republik. Das Staatsgebiet liegt etwa auf der Hälfte des Weges zwischen Hawaii und Australien und besteht aus vielen kleinen Inseln, die sich über ein riesiges Territorium verteilen.

Die meisten dieser uralten Inseln sind geologisch Aufschwemmungen über Korallenriffen auf den Calderas erloschener Vulkane, die nur einige Meter über dem Meeresspiegel liegen.

Kiribati hat 110.136 Einwohner.

Sie weichen nicht

Unser nächstes Filmprojekt wollen wir gemeinsam mit den Filmemacher*innen der kameradisten.org und mit den Einwohnern der Inselgruppe von Kiribati entwickeln. Die vielen kleinen Inseln der Republik im zentralen Pazifik werden bis 2060 vom ansteigenden Meeresspiegel bedeckt worden sein. Die Treibhausemissionen der Industriegesellschaft, die sich auf Kiribati selbst nie entwickelt hat, werden einer uralten Kultur, aber auch den unzähligen kleinen persönlichen Orten von Heimat und Vertrautheit den Untergang bringen. weiterlesen